Unsere MitarbeiterInnen erzählen von ihrem neuen Therapiealltag

Die vorhandenen technischen Möglichkeiten erlauben TherapeutInnen auch in diesen Zeiten unsere KlientInnen weiter zu betreuen und zu unterstützen:

Weitermachen, wo wir letzte Woche aufgehört haben..

Mag. Jennifer Baumeister, Psychologin und Psychotherapeutin bei HEMAYAT, erzählt, wie wichtig es für ihre iranische Klientin ist, dass sie jede Woche im Videachat für sie da sein kann.

Nicht alle Klienten, die Schreckliches erlebt haben, können zu Beginn der Therapie darüber sprechen. So ist es auch bei meiner Klientin aus dem Iran, einer Künstlerin, die schon seit mehr als 2 Jahren ganz regelmäßig jede Woche zur Therapie kommt.

Seit frühester Kindheit hat sie unfassbares psychisches und physisches Leid erfahren, und es hat lange gedauert, bis sie es gewagt hat, sich zu öffnen und ihre Vergangenheit im therapeutischen Gespräch Schritt für Schritt aufzuarbeiten.

Ihr Ziel ist, endlich offen mit ihrer Vergangenheit umgehen zu können, und sich nicht mehr dafür zu schämen.

Dies ist ein sehr intensiver Abschnitt in der Therapie, der starke Emotionen hervorruft, und eine stabile, regelmäßige therapeutische Begleitung unbedingt erfordert. Es erweist sich als ein Segen, dass unsere Verbindung nicht abbrechen musste, nur weil wir uns momentan nicht mehr bei Hemayat persönlich treffen können, sondern wir durch unseren wöchentlichen Videochat miteinander vernetzt bleiben!

Spannend finde ich, wie wir ihre häusliche Umgebung sogar in den Therapieprozess miteinbeziehen können. Im Videochat zeigt sie mir ihre Zeichnungen, selbst gemalten Bilder, Fotos und Schmuckstücke, die einen Lebensabschnitt oder ein emotionales Erlebnis repräsentieren, diese “Hilfsmittel “ können wir für den Therapieprozess nutzen, das ist eine sehr wertvolle Ressource in der Therapie.

Die Therapien werden in Krisenzeiten von den HEMAYAT-KlientInnen genutzt, den  Familienalltag zu reflektieren. Dr. Andrea Scheutz, Psychotherapeutin und bei HEMAYAT für Erwachsene Krisenintervention zuständig, gibt die berührende Erzählung einer alleinerziehende Mutter aus Afghanistan wieder.

„Meine Klientin erzählte mir, ihre 3-jährige Tochter habe alle Kinder ihrer Kindergartengruppe gezeichnet, um sich herum aufgelegt und spielt und spricht mit den Bildern, als wäre sie im Kindergarten. Das macht sie jeden Tag für 2 - 3 Stunden. Die Mutter dürfe die Bilder nicht wegräumen…“

„Mann macht auch Yoga!“

Traumatische Erfahrungen hinterlassen ihre Spuren im Körper. Schon 2013 startete unsere Kunst und Bewegungstherapeutin Edita Lintl deswegen gemeinsam mit der Universität Wien das Programm Movie Kune, eine therapeutische Sport und Bewegungstherapie. Sie berichtet aus ihrem neuen Therapiealltag.

Corona-bedingt ist eine Weiterführung unserer zwei Mal wöchentlich stattfindenden Frauengruppe nicht möglich. Seit letzter Woche häufen sich Nachrichten meiner Klientinnen wie z. B. von Fr. K. aus Afghanistan: „Frau Edita, können Sie mir bitte Übungen schicken, ich habe Schmerzen.“ Einen Tag später ruft mich eine Klientin aus Syrien an: „Seit ich zu Ihnen in die Sportgruppe komme, hatte ich weniger Stress und das Atmen fiel mir leichter. Können Sie mir irgendwie helfen, dass ich dieses Gefühl wieder spüren kann?“ Eine weitere Dame aus dem Irak schreibt: „Ich habe schon seit 3 Wochen meine Wohnung nicht verlassen. Ich will wieder bewegen, sie fehlen mir.“ Daher habe ich mich dazu entschlossen allen Frauen ein speziell erstelltes Übungsprogramm über Video anzubieten mit dem Fokus auf Medical Yoga. Diese Art der Bewegungstherapie verbindet die klassische Yoga-Tradition und die ayurvedische Wissenschaft mit den neuesten westlichen Erkenntnissen der funktionellen Anatomie, Muskel-, Faszien- und Gelenkstherapie. Das Ziel der Methode ist Körperempfindungen und Emotionen selbst in schwierigen Momenten meistern zu können und auf diese Weise ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und des Vertrauens in sich selbst zurückzugewinnen und auch um tiefe Verspannungen im Bewegungsapparat zu lösen. Heute wurde mir eine SMS einer afghanischen Teilnehmerin geschickt: „Mann macht auch Yoga!“ Das ist wohl ein Vorteil des neuen Formats: Alle Familienmitglieder können mitmachen!

 

Auch Annette Bullig- Wenzl betont die unerlässliche vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den DolmetscherInnen. Nur dadurch kann die Psychotherapie für ihre KlientInnen bei HEMAYAT gelingen! Das gilt auch für die Videotherapie-Sitzungen in Zeiten von Corona:

„Ich möchte den Dolmetscherinnen und Dolmetschern von HEMAYAT auf diesem Wege ein großes Dankeschön ausrichten!“

Ich habe mich entschlossen, die psychotherapeutischen Sitzungen zu den gewohnten Zeitfenstern per Videotherapie weiter zu führen. Die KlientInnen haben das sehr gut angenommen. Trotz oftmals sehr beengter Wohnverhältnisse schaffen sie es, sich für dieses Zeitfenster einen ruhigen Ort zu suchen. Meist erfolgt dies in Absprache mit ihren Familienangehörige/ZimmerkollegInnen oder sie gehen einfach nach draußen.

In den Gesprächen wurde u.a. deutlich, dass die KlientInnen die Infoblätter, entweder auf Grund mangelnder Deutsch-Kenntnisse nicht verstehen oder weil sie Analphabeten in ihrer Muttersprache sind, nicht lesen konnten. So konnten wir mit Hilfe der Dolmetscher viele wichtige Informationen und Fragen bzgl. des Covid19-Virus verständlich machen: Was bedeuten die Ausgangsbeschränkungen? Wo kann angerufen werden? Wie ist die ärztliche Versorgung? etc….
Dies gibt Sicherheit in Zeiten der Verunsicherung, welches für traumatisierte KlientInnen überlebensnotwendig geworden ist. Auch gab es sehr schöne und neue Situationen für mich als Psychotherapeutin, wo die KlientInnen mir ihre Wohnsituation gezeigt haben, und ich so ein wenig an ihrem Leben teilhaben durfte, um es besser zu verstehen.

Ein Beitrag von Mag.Barbara Winzely, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche bei Hemayat:

Ich arbeite mit einem Syrischen Mädchen weiterhin therapeutisch über elektronische Medien und bin erstaunt, wie gut sie damit umgeht.
Jetzt zeigt sich viel deutlicher, warum. Sie ist seit fünf Jahren auf diese Form des Kontakts mit ihren Großeltern in Syrien, mit ihren Tanten und Onkeln, all jenen, die zuhause geblieben sind, angewiesen.
Ihr Verbindungsdraht ist das Handy. Sie lachen und weinen zusammen, sie trösten und umarmen sich - alles virtuell.
Plötzlich habe ich einen viel besseren Einblick in ihren Lebensalltag, in ihre Lebenswelt.
Darüber hinaus begegnen wir uns jetzt in unseren 4-Wänden.
Wir rücken näher - in der Distanz.
Ich sehe ihre beengte Wohnsituation, 6 Personen in 2 Zimmern.
Ich lerne Geschwister und Eltern kennen, blicke in Kochtöpfe, in den Kleiderkasten und auf das Schminktischchen.
Ich sehe Bücher. Das ist neu für mich, ich frage nach.
Ein Tagebuch wird mir gezeigt. Eine Passage vorgelesen, auf Arabisch.
Auf Deutsch? Das geht noch nicht , „… aber später, Frau Barbara, später…“

Krisenintervention von Dr. Nora Ramirez Castillo: „Ich bin leider auf sehr schlechte psychischen Zustand“ – dieser Hilferuf erreicht mich via Whatsapp von Herrn B. Als Psychotherapeutin bei Hemayat war dieser junge traumatisierte Mann länger bei mir in Therapie. Im Herbst 2019 hat er einen sehr mutigen Schritt gewagt und ist als Saisonarbeiter nach Tirol gegangen, wo er jetzt in Quarantäne festsitzt. Wir vereinbaren einen Termin im Videochat für den nächsten Tag. Herr B. erzählt, dass er nicht nach Wien zurückreisen darf. Die großen Ängste, die er (zuvor) gut in den Griff bekommen hatte), überschwemmen ihn jetzt wieder und hindern ihn am Schlafen. Er habe zum Alkohol gegriffen, um die Gedanken auszuschalten. Wir erarbeiten einen Notfallplan – ein Liste, an Dingen, die er tun kann, wenn die Ängste wieder auftauchen. Am Ende der Stunde hat er folgende Dinge auf einen Zettel aufgeschrieben:

  • Tief ein- und ausatmen (immer als Erstes)
  • Mit einem Bleistift eine 8-ter-Schleife aufs Papier malen
  • Eine lange Dusche nehmen
  • Lieblingsbuch lesen·
  • YouTube Yoga- oder Fitnesseinheit oder eine Body2Brain-Übung machen
  • Spazieren gehen
  • Eine Tasse „Nerven- und Schlaftee“ trinken

Herr B. sagt, dass ihn das Gespräch sehr beruhigt habe. Er habe jetzt Zuversicht, mit seinen Ängsten besser umgehen zu können und ist sehr froh, dass er die Krise nicht alleine durchstehen muss. Die KlientInnen von Hemayat bauen ein Vertrauensverhältnis zu ihren TherapeutenInnen auf und wenden sich jetzt in diesen schwierigen Zeiten in Ihrer Not an diese. So auch in diesem geschilderten Fall.

Dr. Ernst Feistauer betreut seine KlientInnnen während der Krise weiter. Sie sprechen alle gut Deutsch, was die Logistik erleichtert.

Die Kontakte funktionieren telefonisch tadellos, zu vereinbarten Zeiten, wobei meine Klienten auch jederzeit die Möglichkeit haben, mich bei Bedarf auch außerhalb der vereinbarten Zeiten zu erreichen. Diese Möglichkeit ist bisher allerdings noch nie über Gebühr hinaus ausgenutzt worden.

Als Beispiel möchte ich einen Klienten nennen, der während der ersten Monate der Therapie (Beginn vor ca. 16 Monaten) aufgrund seiner mehrfachen schwersten Traumatisierungen kaum bis nicht gesprochen hatte.
Inzwischen ruft er mich regelmäßig an, vergewissert sich, dass es mir gut geht (!) und meint: "Ich möchte nur Deine Stimme hören, dann bin ich wieder ruhig und dann geht es mir auch gut."

Krisenintervention durch Elisabeth Janz Mayer-Rieck: Sie ist für Abklärung und Krisenintervention zuständig und erlebt derzeit täglich in Telefon und Videotherapieeinheiten wie wichtig es ist in dem Ausnahmezustand für unsere KlientInnen da zu sein. Hier fasst sie die ersten Stabilisierungs- und Kriseninterventionsgespräche über Videotelefonie zusammen: Auf Grund des krisenbedingten Notbetriebs bei HEMAYAT können wir zurzeit keine persönlichen Abklärungsgespräche machen, jedoch telefonieren wir mit auch mit jenen KlientInnen, die in den letzten Wochen und Monaten ihre Erstgespräche hatten und nun auf der Warteliste für einen Psychotherapieplatz bei HEMAYAT sind. Diese Menschen waren durch die Bank zutiefst dankbar angerufen zu werden, zu wissen, sie sind nicht vergessen, versichert zu bekommen, dass sie sich jederzeit bei HEMAYAT melden können, dort eine verlässliche online/telefonische Anlaufstelle haben und um einen dolmetsch-unterstützen Rückruf bitten können.

Als besonders wichtig stellte sich u.a. heraus, „Education“ zur jetzigen Situation in Österreich zu geben: Information, wo angerufen werden kann, wenn jemand in der Familie krank wird, bei welchen Symptomen getestet wird (oder auch nicht), derzeitige Vorschriften zu erklären und auch zu versichern, dass es ok ist, mit Sicherheitsabstand zu anderen Menschen, das Haus zu verlassen, frische Luft zu schnappen und sich die Beine zu vertreten.

Einige brauchten dringend neue Medikamente, wussten nicht wie sie diese bekommen können und waren sehr erleichtert, dass wir hier helfen konnten. Wiederum andere freuten sich über das Vorzeigen von kleinen Bewegungsübungen zur Hilfe der Selbstregulation, Entspannungsübungen oder auch Kraftübungen, je nach Situation. Sogar eine kleine Kochstunde wurde mit viel Interesse entgegengenommen -in diesem Fall von einem jungen Mann, der zuvor hauptsächlich von Fast Food lebte.
Die engen Lebensumstände sind für viele eine große Herausforderung und das “eingesperrt” sein sowie die vermehrten Sirenen von Polizei und Krankenwagen, triggern bei manchen schlimme Erinnerungen und vermehrte Albträume. Eine große Angst bei Nacht und Nebel abgeschoben zu werden - jetzt wo alle sich mit Covid 19 beschäftigen - beherrscht auch einige Haushalte.

Das Gespräch, das Zuhören, unser Interesse an ihrer Situation und ihrem inneren Erleben, das sich mitteilen können, gehört zu werden in ihren Ängsten sowie auch Errungenschaften, auch wenn NUR über das Telefon, oft mit Video, scheint viele zu beruhigen, zu stabilisieren und zu freuen.
Es wird online aber durchaus auch gelacht!

Der Betrieb geht weiter. „Verborgen, aber nicht verschwunden“ Brigitte Heinrich leitet das HEMAYAT Büro und ist die erste Stimme und Anlaufstelle für Menschen, die sich in Ihrer Not an Hemayat wenden.

Nach wie vor komme ich ins Büro und halte gemeinsam mit einer Therapeutin die Stellung. Wir müssen auf jeden Fall bewerkstelligen, dass, sollte sich eine Klientin oder ein Klient bei uns melden, die/der sich in einer Krise befindet, jemand hier ist. Wir empfänden es als verantwortungslos, gerade jetzt jenen die Türen zu verschließen, denen die Last sosehr auf die Seele drückt.

Wenn das Telefon läutet, melden sich meist besorgte Verwandte/Freunde/Betreuer, die wissen möchten, unter welchen Bedingungen man jemanden zur Therapie anmelden kann. Auch bekommen wir Befundanfragen, die für das Asylverfahren benötigt werden – auch jetzt während des „Shut Downs“. Diese Befundungen finden via Skype statt. Das funktioniert offenbar sehr gut – auch mit einer Dolmetscherin oder einem Dolmetscher. Diese Befundungen dürfen keinesfalls ausgesetzt werden, weil sie nach wie vor Zeugnis davon geben, wie belastet der jeweilige Patient ist und wie sehr sich diese Belastung auf sein Psyche auswirkt.

Doch das übliche unaufhörliche Gesumme gleich einem Bienenschwarm, das durch die Frequenz der hier arbeitenden KollegInnen und Therapie in Anspruch nehmende KlientInnen erzeugt wird, ist nicht da. Es ist viel stiller im Büro als sonst. Ich kann aber an den Terminen, die in der Datenbank nachzulesen sind, an den Stundenaufstellungen unserer MitarbeiterInnen erkennen, dass es im Hintergrund sehr wohl summt und es ganz und gar nicht still ist, vor allem in den Köpfen unserer KlientInnen. Nach wie vor finden Therapiesitzungen statt; virtuell, telefonisch. Auch Kriseninterventionen werden durchgeführt; ohne geht es nicht – und jetzt schon überhaupt nicht.

Das Gesumme hat sich verlagert; in die Wohnungen, aus dem Blickfeld der Menschen.
All das kann ich administrativ erkennen. Leid ist jetzt nur als eine Anzahl von Terminen in meiner Datenbank ablesbar. Jeder Termin eine Stunde über das sprechen, was erlitten wurde und das Leben schwer macht.

Leid ist sonst nicht sichtbar, schon gar nicht jetzt. Wie weggeräumt, bei Seite geschoben, verborgen, und dennoch nicht weniger schlimm oder weniger da. Wie der Virus. Man sieht ihn nicht. Ebenso wie die erlittenen Verletzungen unserer KlientInnen. Nur, dass das Leid während einer Quarantäne nicht verschwindet.

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HEMAYAT – Betreuungszentrum für
Folter- und Kriegsüberlebende

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