Dolmetschen in der Psychotherapie

Das Dolmetschen in der Arbeit mit AsylwerberInnen und MigrantInnen stellt besondere Anforderungen an die DolmetscherInnen dar. Die Dolmetschwissenschaft spricht vom Community Interpreting (Kommunaldolmetschen): Die Rede ist vom Dolmetschen im administrativen, medizinischen und juristischen Bereich. Kinder und Verwandte der KlientInnen werden üblicherweise in vielen Situationen zum Dolmetschen herangezogen, was für die betroffenen LaiendolmetscherInnen belastend und problematisch sein kann, weil der professionelle Abstand zur Arbeit nicht gegeben ist.

Gerade weil im Community Interpreting so viele LaiendolmetscherInnen zum Einsatz kommen, ist es umso wichtiger, klare Regeln und Standards auszuarbeiten, um sicherzustellen, dass sich alle Beteiligten kommunikativ gut aufgehoben fühlen.

Die Besonderheit des Community Interpreting besteht u.a. darin, dass sich in diesem Kontext zwei Personen in unterschiedlichen Rollen begegnen: Einerseits eine Person in ihrer Funktion als ProfessionelleR (ÄrztIn, PsychologIn, BeraterIn, JuristIn), andererseits ein Mensch, der sich mit seinen privaten Problemen und Anliegen einbringt. Das dadurch zwangsläufig entstehende Macht- und Hierarchiegefälle ist eine Herausforderung für die DolmetscherIn. Außerdem kann es vorkommen, dass intime Erfahrungswerte thematisiert werden, die Gespräche also mitunter sehr emotional ablaufen.

Im Rahmen des Kommunaldolmetschens nimmt das Dolmetschen in der Psychotherapie eine Sonderstellung ein:

Sprache ist in der Psychotherapie nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch diagnostisches Mittel. Die TherapeutIn muss sich über die Sprache der KlientInnen ein möglichst umfassendes Bild über diese Person machen können: Mit Hilfe der DolmetscherIn muss es für die TherapeutIn möglich sein, den allgemeinen Zustand der KlientInnen und deren Ausdrucksweise zumindest annähernd erfassen zu können.

Im Unterschied zum Dolmetschen bei Konferenzen oder geschäftlichen Verhandlungen geht es in der Psychotherapie nicht darum, das Gesagte zu verschönern, stilistisch und rhetorisch aufzuwerten oder Fehler im Ausgangstext auszubessern. Die DolmetscherInnen müssen also der Versuchung widerstehen, Aussagen umzuformulieren, und sich stattdessen möglichst nah an das Original halten, sodass die PsychotherapeutIn die Möglichkeit hat, Sprachgebrauch und Wortfluss der KlientIn zu erfassen.

In kaum einem anderen Kontext ist die DolmetscherIn so stark als Person präsent. Geschlecht, Herkunft, Alter, Migrationshintergrund, Empathiefähigkeit etc. sind Merkmale, die in dieser intimen und mitunter emotional aufgeladenen Gesprächssituation von den KlientInnen sehr genau wahrgenommen werden. Eine gute Basis für die Zusammenarbeit zwischen TherapeutIn und DolmetscherIn ist für den kommunikativen Erfolg (also für das Herstellen einer therapeutischen Beziehung zum Klienten) von entscheidender Bedeutung. Ebenso wichtig ist aber, dass die KlientIn Vertrauen zur DolmetscherIn aufbauen kann, was keine Selbstverständlichkeit ist.

Generell gilt, dass eine Dolmetschsituation am besten dann funktioniert, wenn sie nicht als eine solche wahrgenommen wird, wenn die GesprächspartnerInnen also das Gefühl haben, direkt miteinander zu kommunizieren.

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